Aktuell

Projekt 3: CLOSE JOUR EYES AND SEE

… Berlin

… Deutschland

… Europa

„Close your eyes and see“ formuliert Impressionen – eine wertungsfreie Darstellung von Inhalten und Begriffen. Ästhetisch und fast ohne Funktion. 2010 präsentierten wir die Ausstellung „Close your eyes and see – Berlin“ auf der Expo in Shanghai. In Zukunft möchten wir Deutschland und Europa mit ihren politischen, sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Errungenschaften präsentieren. Das Konzept bleibt bestehen. Die Sprache der Gestaltung bliebe ähnlich. Die zu präsentierenden Exponate, Modelle, Objekte, Informationen etc. ändern sich und beziehen sich auf Deutschland oder Europa: „Close your eyes and see – Deutschland“ oder „Close your eyes and see – Europa.“

Mit Ihnen möchten wir dieses Konzept aktuell erarbeiten und der Welt unsere gemeinsame Botschaft präsentieren.

Mein Buch: Vom Schweinestall in die Universität

Leseprobe

Dorf-VIPs und Pferdetuning (Entromantisierte Kurzfassung)

Über einem kleinen Dorf bei Berlin geht aufdringlich früh die Sonne auf. Was sollte sie auch sonst tun. Der Hahn auf dem Hof kräht schon seit Stunden und kommt somit einer seiner beiden Hauptfunktionen nach. Vater liegt im Bett, frühstückt seine Morgenzigarette und sieht weder die Sonne, noch hört er den Hahn. Ich habe ihn so gut wie nie gesehen, denn er war Kettenraucher und ständig in Rauch gehüllt (hier meine ich nicht den Hahn, sondern meinen Vater). Er ist damit beschäftigt, sich die Erinnerungen an die letzte Nachtsitzung im „Dorfkrug“ zu vergegenwärtigen. Der „Dorfkrug“ ist das politisch-kulturelle Zentrum des Ortes. Hier trifft sich die Prominenz, hier geben sich die VIPs des Dorfes die Ehre, hier präsentieren sie ihre Erfolge und ihre neuen Gummistiefel. Die Sitzungen finden traditionell und wöchentlich nur hier statt. Hier ist der Nabel des Dorfes.

DIE ENTNÜCHTERUNG

Da saßen sie nun, fest entschlossen, sich der allwöchentlichen Entnüchterung zu unterwerfen – und wenn es sein musste, die Tagesordnungspunkte bis tief in die Nacht und auch bis in den Morgen hinein abzuarbeiten. Schwang hier ein Hauch von Heuchelei mit?

Die Liste der Anwesenden:

  • der beliebte Bürgermeister des Dorfes
  • der Wachmeister des Dorfes
  • der Dorflehrer
  • der noch beliebtere Wirt des Dorfkrugs
  • der Fleischermeister des Dorfes
  • der überregionale Postbote
  • der hochwürdige Pfarrer
  • ein ehrwürdiger Bauer des Dorfes (mein Vater)
  • und Gustav

Neben ein paar „Kurzen“ flossen auch die Weltprobleme in die Sorgen der Dorfpolitik mit ein. Im Diskurs wurden viele Parallelen der Dorfwelt und der etwas größeren, weiten Welt selbstsicher gegenüber gestellt und ausgewertet. Im Laufe des Abends glichen sich die beiden Politikrichtungen immer mehr an, und unser Dorf schlich sich immer mehr in Richtung Weltpolitik. Demzufolge sah sich unser Bürgermeister durchaus in der Lage, den amtierenden amerikanischen Präsidenten locker vertreten zu können. Und dass zu später Stunde unser Dorfpfarrer eine Teilzeitstelle als Papst anstrebte, möchte ich hier nicht weiter ausführen.

Eigentlich war es ein ganz normaler Abend, alle Punkte waren so gut wie bewältigt. Und es war gemütlich wie immer. Doch das sollte sich bald ändern, denn es fehlte noch „Gustav,“ der letzte Punkt der Tagesordnung. Und Gustav war alles andere als nur ein schnöder Ordnungspunkt! Gustav war ein intelligenter, gut aussehender Ziegenbock, er mochte meinen Vater, und mein Vater mochte ihn. Er verhielt sich wie ein ganz normaler Hund, ging brav an der Leine, bellte nicht, er meckerte nur ein bisschen. Und was die Treue anging: Da konnte kein Hund der Welt mit Gustav mithalten. Er folgte meinem Vater auf Schritt und Tritt – und somit begleitete er ihn natürlich auch zu den allwöchentlichen Sitzungen in den Dorfkrug.

DAS PROBLEM

Anfänglich fanden ihn alle noch witzig – nicht meinen Vater, sondern den Gustav. Er präsentierte sich als eine Art Running Gag, wenn er zu den unpassendsten Momenten, mal leiser und mal lauter, in die illustre Diskussionsrunde hinein meckerte. Doch es kommt die Zeit, in der sich jeder Running Gag verrennt. Und heute war es so weit.

„Dein Gustav ist doch nicht ganz dicht,“ behauptete Wolfgang, der überregionale Postbote (hier meinte er die physikalische Dichte). Mein Vater erklärte ihm, dass es sich bei dem beobachteten Phänomen um eine für einen Ziegenbock ganz normale Inkontinenz handle. Das war zwar ein vortheoretischer Erklärungsversuch, der aber nicht überzeugte.

„Meine Gaststätte ist doch kein Ziegenstall“, betonte der Wirt Walter, „und er riecht streng.“

„Hast du dich schon mal gerochen?“, fragte mein Vater den Walter, im Tonfall ein wenig hilflos und trotzig.

„Wenn der Gustav kein Lokalverbot bekommt, bringe ich zur nächsten Sitzung meine Kuh mit,“ drohte unser Dorflehrer Willi. Irgendeiner bemerkte leise und anonym: „Der soll bloß seine Frau zu Hause lassen.“ Willi hatte es gehört, jetzt war einer sauer.

Polizeichef Ernst wurde konkret. „Wir lassen den ‚Dorfkrug‘ in ‚Ziegenstall‘ umtaufen.“

„Gute Idee,“ bemerkte mein Vater provozierend. Pfarrer Fritz erklärte sich bereit, die Umtaufung persönlich zu übernehmen.

Meinem Vater gingen indes schon lange die Argumente aus, zumal er kaum welche hatte. Er konzentrierte sich auf das Spendieren von suggestiven Getränkerunden, die sich am Ende der Debatte als reine Fehlinvestitionen heraus stellten. Johann, der Fleischer, setzte dem Fass noch die Krone auf, indem er es besonders gut meinte: „Für unser nächstes Dorffest könnte ich den Gustav wunderbar zubereiten, ich schätze, der bringt mindestens 40 schöne Portionen.“ – Das fand mein Vater nicht witzig. „Ich werde nie wieder auch nur eine Scheibe deiner vergammelten Wurst bei dir kaufen.“ (Eine leichtsinnige Drohung von einem Nichtvegetarier).

Es deutete sich also an: Gustav sollte Lokalverbot erhalten.

FAST WIE IM BUNDESTAG

Der Bürgermeister ergriff das Wort: „Meine lieben Freunde, bevor wir zum gemütlichen Teil der Sitzung übergehen, sollten wir vorher noch kurz zur anonymen Briefwahl kommen.“

Die Auszählung ergab:

  • 8 abgegebene Stimmen
  • 4 gegen Gustav
  • 1 für Gustav
  • 1 Enthaltung
  • 2 ungültige

Hiermit wurde Gustav offiziell an die frische Luft gesetzt.


Eine Woche später, wieder im Dorfkrug. Der Bürgermeister eröffnete die Sitzung mit einer dorfbewegenden Rede. „Meine lieben Freunde. Der Ordnungspunkt ‚Gustav‘ hat mich nicht nur als Bürgermeister berührt, sondern auch als Mensch. Aus diesem Grund heraus möchte ich euch mitteilen, dass ich keine Mühen und Kosten gescheut habe, die Finanzierung und die Herstellung von zwei versöhnlichen Hinweisschildern zu veranlassen. Die feierliche Übergabe fand, wie ihr ja wisst, vorgestern statt. Das eine ist ein kleines Verbotsschild, das die Eingangstür des Dorfkrugs, unseren beliebtesten Ort der Gemeinde, ziert. Das zweite ist ein spezielles, eigens für Gustav angefertigtes Parkschild. Mit dieser Würdigung wollen wir zum Ausdruck bringen, dass auch ein Ziegenbock ein Teil unserer Gesellschaft ist.“

Es folgte ein wohlwollender und selbstgefälliger Applaus. Und Vater war sogar ein wenig angetan. Alle Anwesenden machten einen zufriedenen und noch nüchternen Eindruck. Der traditionell gemütliche Teil der Gemeinderatssitzung wurde nunmehr, wie immer pflichtbewusst und unter Einbeziehung von Kaltgetränken knallhart durchgezogen.

ENDE DER SITZUNG

Nicht so richtig würdevoll verließen spät in der Nacht treue Dorfdiener, im Auftreten etwas zu laut und unkontrolliert, orthopädisch in merkwürdigen Haltungen, begleitet von seltsamen Gesten und eine Sprache sprechend, die in keinem Sprachlexikon zu finden ist, den Dorfkrug. Draußen steht Gustav an seinem eigenen, persönlichen Parkschild und muss mit ansehen, in welchem Zustand die VIPs diesen Ort der politischen Entscheidungen verlassen … und es ist ihm peinlich, einmal dazu gehört zu haben.

DER MORGEN DANACH. (ZEHN UHR)

Recht energisch ertönt der nicht gerade liebevolle, aber dafür recht imperative Ruf meiner Mutter durch die bäuerliche Behausung. „Erich, aufstehen, um zwölf kommt der Käufer aus Berlin!“ – Langsam dreht er sich aus dem Bett, und das ist zufällig gut so. Sonst wäre er aus Versehen auf Gustav getreten. Mutter hatte ihn aus Wut ins Schlafzimmer gelassen (war es am Ende gar Eifersucht?).

Vater zog sich die Gummistiefel aus und ging erstmal duschen. Gustav wollte hinterher. Doch hier ließ Vater seine strenge und konsequente Erziehung aufblitzen. Gustav ging ungeduscht in den Tag. (Übrigens, das mit den Gummistiefeln ist erfunden, aber geduscht hat mein Vater).
Bei gutem Wetter frühstückten wir immer auf dem Hof. Auf dem gedeckten Frühstückstisch liefen niedliche Küken umher, die meine Schwester aus dem Hühnerstall gekidnappt hatte, und suchten Krümel. Die Hühnermutter saß nervös bei mir unten am Tisch. Ich hielt sie bei Laune, indem ich mein Essen brüderlich mit ihr teilte. Vater frühstückte nicht mit, er musste arbeiten, denn um zwölf sollte ja der Käufer aus Berlin kommen. Und der wollte ein rassiges und preiswertes Pferd sehen.

PFERDE-TUNING

Das Hobby meines Vaters war der Pferdehandel, und er konnte eine bemerkenswerte Pferdekollektion sein Eigen nennen. Seine Galerie der Schönheiten war weit über die Dorfgrenze hinaus bekannt. Das Pferd sollte, auf Wunsch des Käufers, preiswert und rassig sein. Für meinen Vater war das ein Widerspruch in sich. „Preiswert“ hätte im Notfall noch klappen können – aber „rassig?“ Vor ihm stand der Restposten seines „wunderbaren Gestüts.“ Wären diese Geschöpfe Bücher gewesen, so hätte man sie locker Remittenden nennen können. Er hatte die Wahl zwischen Not und Elend. Er entschied sich für das Elend. Der Anblick des Wesens vor ihm, dessen Verfallsdatum nahezu überschritten war, verstärkte seinen Pessimismus. Ihm war klar: Hieraus ein Pferd zu machen, das bedeutete den Einsatz von übermenschlichem Können. Und das Ganze in drei Stunden?

Aber Vater wäre nicht Vater, hätte er kein Ass im Stiefel. Hier waren die Fachkenntnisse eines erfahrenen „Pferdehändlers“ gefragt.

WASCHEN-SCHNEIDEN-LEGEN

Das Pferd bekam eine Rundum-Wäsche, wurde gestriegelt und nicht gebügelt. Das Stirnhaar wurde begradigt und die Spitzen seines Schweifes etwas nachfrisiert. Im Großen und Ganzen war er etwas zu grau meliert, sodass partielle Haartönungen und ein paar Strähnchen als notwendig erachtet wurden. Hierfür benutzte Vater die altbewährte Holzbeizen-Tönung. „Gestern noch im Stall, heute auf dem Laufsteg, morgen in Berlin – und das Haar sitzt.“

ZAHNPFLEGE

Mein Vater war kein Zahntechniker, aber er wusste, was zu tun war. Ein altes Sprichwort lautet: „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.“ Da mein Vater nicht vorhatte, sein Pferd zu verschenken, wusste er, dass beim Erwerb eines Pferdes der allererste Blick der Blick ins Maul war – und dass sein Pferd die tiefgelben Zähne vom Rauchen bekommen haben sollte, das hätte der Käufer ihm nicht geglaubt. Zumal jeder weiss, ein junges Pferd hat weiße Zähne … na, wie bei uns. Mit etwas Schleifpapier und ein paar Mohrrüben ließ sich das immer hübscher werdende Pferd das Zähneputzen gefallen. Und nachgeputzt wurde mit einer echten Zahnbürste und mit echter Zahnpaste (auf Zahnseide wurde bewusst verzichtet).

FUSSPFLEGE

Auch ein Pferd bekommt im Laufe der Jahre orthopädische Probleme. Mit einer Raspel und der groben Feile wurden die sehr ausgetretenen Hufe in Form gebracht. Um später jeden Schritt des Pferdes auf einer steinernen Verkaufsfläche akustisch inszenieren zu können, wurde es mit vier nagelneuen Hufeisen beschlagen. Ein Vergleich mit Stepptänzern wäre hier angebracht, schließlich hatte auch Fred Astair Metallbeschläge unter seinen Schuhen. Diese „Schuhe,“ also die Hufe, sahen aus, als wäre der Gaul schon mehrmals den Ironman gelaufen. Und manchmal vollbringt eine Büchse normale Schuhcreme Wunder, das war auch hier wieder einmal der Fall – die Gebrauchspuren der letzten Jahre wurden einfach weggeputzt.

FINE-TUNING

Mit Sonnenblumenöl aus der Küche gab mein Vater dem Pferd den gepflegten Rundum-Glanz. Heute erzielt man einen ähnlichen Effekt mit Bartöl. Nun fehlte noch der letzte, aber wichtigste Schritt. Das Pferd war perfekt gestylt, jedoch fehlte das „Feuer,“ welches ein Pferd haben sollte. Die folgende, recht archaische Vorgehensweise hatte eine lange Tradition. Es gibt einen Spruch, eine Art Willenserklärung (wahrscheinlich aus unserem Dorf kommend), der sich als fester Bestandteil in unsere vokabulare Hochkultur geschlichen hat: „Dem mache ich Pfeffer unter dem Arsch.“ Traditionsgemäß hob mein Vater den Schweif des Pferdes, das gelangweilt in die Gegend starrte, und dann platzierte er gezielt den Pfeffer. Der Pfeffer verlieh diesem Pferd eine vorübergehende, jugendliche Unruhe. Da stand es nun da: Feurig, wie einst Pegasus und bereit, bewundert zu werden. (Und das alles in drei Stunden). Ja – „Das Bild entsteht im Auge des Betrachters.“

EIN VERGLEICH?

Es gibt auch Schlagersänger (jenseits der 65), die bunt wie Schmetterlinge über die Bühnen flattern und ähnliche Metamorphosen an sich versuchen. Mit pechschwarz gefärbten Haaren und braun getoastet, mit schneeweißen Hosen und Zähnen, mit roten Jacken und rosa Krawatten singen sie „Ich bin zum ersten Mal verliebt“ und suggerieren so Lebendigkeit. Ob auch sie Pfeffer benutzen?

DER AUFTRITT DES AUTOHÄNDLERS

An diesem Tag fand mein Vater seinen Meister. Es lief alles anders, um nicht zu sagen, voll daneben.„Jut’n Tach och, Herr Lüdtke, jestatten, Heinz Schmattke, ick glaube, wir bieten uns am besten erstmal dit du an.“ Vater nickte abwartend und schüchtern. „Ach, da steht ja das gute Stück, immerhin kann der noch allene stehn, hö, hö.“ Vater ahnte, dass dieses „Stadtkind“ ihn nerven könnte. „Wie ick sehe, haben wir viel gemeinsam. Ick habe auch mit Pferdestärken zu tun – nur n’ paar mehr hö, hö.“

Er fand sich richtig witzig und überlegen. „Ich bin einer der angesagtesten Autohändler in Berlin – dit Jeschäft läuft jut. Und unsa jemeinsames Hauptanliegen is ja, dass wa alte Kisten wieda uffmotzn. Und der Beweis steht vor uns.“ Will der etwa mein edles Pferd mit einer alten Kiste vergleichen, dachte Vater verunsichert?

„An dem alten Kläpper musstest du ‘ne Menge Überstunden einschieben, hö hö.“ – Hier hatte sich der Witzbold geirrt – es waren ja nur drei Stunden gewesen. Und Vater fühlte sich indirekt geehrt. „Jetzt mal im Vertrauen, ick hab doch och die Probleme. Und ich steh oft vor der Entscheidung: Basteln oder Schrottplatz? Da kann ick vorher wenigstens, hier und da, noch ‘n paar Teile abschrauben… aba beim Pferd jet dit ja nich. Du könntest och mit dem Rennpferd nach Paris reiten. Die Franzosen finden Pferdefleisch lecker. Aber so wie der Gaul aussieht, bricht der schon am Dorfausgangs-Schild zusammen, hö, hö.“

„Wat du an dem Klepper rumjeschraubt hast, dit mach ick normalerweise am Auto. Das duftet ja immer noch nach frischer Schuhcreme für die Hufe. Die benutze ick, um die Reifen neu aussehen zu lassen. Ick nehme Autopolitur für den Lack und du dein gewöhnliches Spezialöl für die alte Karosse. Auch in meinem Jewerbe wird an allen Ecken jefeilt und jeschliffen – wie du an den Zähnen – ick meine nich deine, sondern die vom Pferd. Hö, hö. Jut, Pfeffer für‘s Auto bringt bei mir nicht so viel. Wat bei dir der Pfeffer macht, erledigt bei mir Kontaktspray. Perfekt wird dit Janze durch ‘ne kleine Tachomanipulation. Also Erich, du hast dir ja mächtig Mühe gegeben, aber aus ‘ner Dilljurke kann man nun mal keine Trüffel machen. Dein Pferd ist der Beweis. Wat zahlste mir, wenn ick den für dich entsorge? Hö, hö.“

Dieses Großmaul wurde meinem Vater immer unsympathischer… und auch das Pferd fühlte sich langsam beleidigt. Irgendwie war das heute ein ungleicher Kampf. Denn mein Vater war ja auch noch angeschlagen von der Nachtsitzung im Dorfkrug. In so einer postalkoholischen Phase ist man extrem sensibel, dünnhäutig und beeinflussbar.

DIE ZIGARETTE DANACH

Heinz der Autohändler ist wahrscheinlich schon mit seinem Schnäppchen in Berlin. Vater würde es nicht wundern, wenn der direkt sein Pferd als Gebrauchtwagen weiter verkauft. Nun sitzt er auf dem Hof, raucht friedlich sein Abendbrot und stellt sich die berühmten tausend Fragen: „War mein Preiswunsch doch etwas zu tollkühn? Was habe ich falsch gemacht? (Fast alles). Was hat Heinz aus Berlin richtig gemacht? (Fast alles). Und will ich überhaupt noch ein Pferdehändler sein?“ (Die restlichen neunhundertundsechsundneunzig Fragen bleiben hier hinten angestellt). Langsam, aber entschlossen verabschiedet Vater sich von der Illusion, ein Pferdehändler sein zu wollen.

Investitionen:

  • drei fette Stunden Arbeit,
  • logistisches Know-How
  • eine Menge Nerven
  • Beleidigungen und Kränkungen
  • Reduzierung seines Gestüts
  • Selbstvertrauensverlust

Einnahmen:

  • bleiben ein Geheimnis. Aber: Sie reichten für ‘ne neue Raspel, für Schuhcreme, Schleifpapier und Pfeffer. 

Mit „DORF-VIPs UND PFERDETUNING“ habe ich den Ort meiner Kleinkindheit verlassen und befinde mich auf der „FLUCHT VON RUSSLAND NACH AMERIKA.“ Sehnsüchtig bereite ich meine schöne, arme Zeit im Berliner Wedding vor und tausche „BRENNHOLZ FÜR KARTOFFELSCHALEN.“

Ich will über meine „Weggefährtinnen und Weggefährten,” berichten.
Da waren die nicht Normalen, die Spinner, die Träumer, die Phantasten, die Verrückten, die Kreativen, aber auch die „Geradeaus-Denker,” die „Aktenordner auf zwei Beinen” und die „wandelnden Geodreiecke,” um nur einige zu nennen. Sie werden mich und mein Buch weiterhin begleiten.

Ich freue mich auf:

„DAS ENDE DER FREIHEIT“

„EXCALIBUR UND DIE KLEINE KAPITALISTENSAU“

„DIE HEILIGEN IDIOTEN“

„HEINO, BOB DYLAN UND ICH“

„BLITZSTUDIUM IN 23 SEMESTERN“

„EIN STALL IN GRIECHENLAND“

„MEINE KREATIVITÄTSTHEORIE“

„100 FLOPS UND HERZILEIN“

…und Vieles mehr!

Wahrscheinlich werde ich 2025 im „Heute“ angekommen sein und mein Buch veröffentlichen. Bis dahin werde ich hier und da ein paar Auszüge an dieser Stelle veröffentlichen.

EINE BESTANDSAUFNAHME – NICHT NUR POLEMISCH BETRACHTET

Viele Bereiche an der Universität, insbesondere in der universitären Lehre, reduzieren sich lediglich auf die Vermittlung von Fakten und Fachwissen. Wissen haben wir in inzwischen unüberschaubarer Menge angehäuft. Das Internet vermittelt die Illusion, dieses Wissen jederzeit abrufen zu können. In gewisser Weise stimmt das auch: Aber abgerufen werden isolierte Bausteine, die oftmals keinen inneren Zusammenhang haben. Sie dienen allenfalls dem Stopfen von Löchern bei einer ganz konkreten Problemlösung – aber ohne ein Verständnis für die vernetzten Zusammenhänge zu bieten.

Wir sind nach wie vor zu wenige, die mit dem abrufbaren Wissen, das uns das Internet theoretisch jederzeit und an jedem Ort zugänglich macht, kreativ und vor allem sozial umgehen können und wollen. Wissen ohne Aktion bleibt leer und substanzlos – und aktives Wissen ist gebunden an eine soziale Ebene der gelebten und vermittelnden Beziehungen, in denen es gestaltet und wirklich begreifbar wird.

Wie gehen Studierende an der Universität mit dem „vermittelten“ Wissen um? Was fangen sie damit an? – Sie setzen es ein, um credit points zu sammeln, mit denen sie möglichst ökonomisch ihre akademischen Qualifikationen erreichen. Gelebt wird das Wissen selten. Und für uns als Lehrer ist es zu wenig, wenn wir uns nur auf das Fachwissen konzentrieren und unseren Stoff in Vorlesungen lediglich durch den Beamer jagen. Diese Form der Vermittlung ist beziehungslos – und auch unökonomisch! Denn substanzloses Wissen dieser Art kann sich heute jeder Studierende aus Fachbüchern und aus den schon zitierten Internetquellen zusammensammeln und anlesen, und zwar ohne die soziale Isolation im Studierstübchen zu verlassen und das Wissen im sozialen Handlungskontext auf die Probe zu stellen, Lehrmeinungen zu hinterfragen, zu diskutieren – kurz: ohne soziale Interaktion zu pflegen. Mit Verstehen hat das nichts zu tun.

Der Lehrende, der sich dieser Form der technokratischen Vermittlung unterordnet, setzt sein „Wissen“ (seinen „Lesevorsprung“) auf dem Katheder ein, um seine Eitelkeit und Besserwisserei zu bedienen. Die Studierenden durchlaufen eine Kathedersozialisation, bei der sie isolierte Fakten aufsaugen und nach ihrer „Saugfähigkeit“ am Ende beurteilt werden. Erproben müssen sie ihr Wissen in der sozialen Praxis, in der Beziehung des kritischen Austausches mit dem Lehrenden nicht. Die akademischen Weihen werden erworben in einer Art universitärem „Wer wird Millionär?“ – wer am Ende besonders gut abschneidet, der hat Glück mit den Fragen gehabt, systematisches Wissen hat er oder sie nicht unter Beweis gestellt. Und der akademische Lehrer sieht sich entwertet als eine Art „Vorlesungs-Jauch“, der eigentlich auch verzichtbar wäre. Die wissenschaftliche Arbeit reduziert sich auf die Produktion von Doktorarbeiten, die im Zweifelsfall auch per Internet zusammengestellt werden können und der Karriere des Jägers und Sammlers nach verborgenen Quellen dienen – zumindest so lange, wie ein ja auch immer möglicher geistiger Diebstahl nicht auffällt. Eines bleibt aber in jedem Fall festzuhalten: Ein intellektuelles, ein kreatives und innovatives Milieu entsteht so nicht. Wissen wird nicht generiert, es wird zunehmend recycelt – und der Welt zum Konsum angeboten.