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Zwischen Chaos und Ordnung

Die Gestaltung kann sich in der Art zweier „Glaubensrichtungen“ entwickeln: vom Chaos zur Ordnung oder von der Ordnung zum Chaos. Beide Wege führen zur Gestaltung. Für Chaos sorgt die freie, subjektive „Innenwelt“ der Gefühle, Spiele, Träume und der Irrationalität. Für Ordnung hingegen sorgt die objektive „Außenwelt,“ in der wir Normen, Systeme, Logik und Vernunft einsetzen. Die Gestaltung entwickelt sich aus der Dialektik dieser Antagonismen, aus der Gegensätzlichkeit von Spiel und Systematik.

Den konstruktiv-kreativen Umgang mit diesen Polaritäten von Innen- und Außenwelt sollten wir trainieren. Das, was wie ein Widerspruch von sich entgegengesetzten Kräften aussieht, ist kein logischer Widerspruch, sondern ein dialektischer, der sich in der Synthese aufhebt.

Wir sollten uns weniger von Programmen und vorgegebenen Systemen bestimmen und leiten lassen. Wir sollten das freie Denken unbeeinflusst trainieren und dies im freien Gestalten sichtbar machen.

Erst nach dem Prozess der freien Gestaltung sollten die Möglichkeiten der systematischen, analytischen Vorgehensweisen erprobt werden. Somit wird dieser Weg kein zufälliger bzw. beliebiger, sondern ein bewusster.

Was tun?

Das Wissen muss den Kopf verlassen und in Herz und Hände übergehen

Wissen verlangt nach Gestaltung. Ohne Gestaltung bleibt Wissen tot und starr, es wird nicht begreifbar und bleibt blind und „unanschaubar“ … Gestaltung bedeutet Arbeit, sie muss aktiv gemacht werden. Und hier sind die Lehrer gefragt als Vertraute, Erzieher, Tippgeber, Weichensteller, Impulsgeber, Animateure, Beispielgeber, Kritiker, Lobende, Idealisten, Didaktiker, Pädagogen, Vorbilder, Philosophen, Motivatoren usw. usf.

Wir müssen Generatoren sein, die aus geschriebenen und gesprochenen Worten analoge Bilder erzeugen. Wahrnehmbar mit allen Sinnen – wir übersetzen das Wort in Merk- und Wirkmale, die allen Sinnen zugänglich sind. Und es geht insbesondere darum, nicht nur das „Was“ der Lehre im Blick zu haben, sondern auch das „Wie“ der Lehre.

Ich hatte niemals vor, mein eigenes (ja auch nur begrenztes) Teilwissen an die Tafel zu schreiben, damit die Studierenden es säuberlich abschreiben und nach Hause tragen. Die Lehre ist ein soziales Spiel, nicht nur ein Sprachspiel, sondern immer soziale Interaktion über den Austausch sprachlicher Botschaften hinaus. Soziale Interaktion setzt Nähe voraus, nicht Distanz. Es ging mir immer um die Nähe zu den Studierenden, um Beziehungen – nicht um Anbiederung, sondern um den Austausch auf Augenhöhe, immer mit Wissens- und Erfahrungsvorsprung (notwendigerweise), aber nie überheblich, arrogant oder selbst „unbelehrbar.“ Der ständige Blick zurück auf mein eigenes Studium hat mich immer wieder darin bestärkt, dass dieser Weg der richtige Weg sein muss.

Und Voraussetzung für das Tun ist und bleibt die Überzeugung:

Man muss mögen, was man tut – und man sollte diejenigen mögen, für die man es tut!

Ich für meinen Teil kann sagen: Ich mag es, zu gestalten – und ich mag die Studierenden. Darum bin ich Lehrer an der Universität geworden.

EINE BESTANDSAUFNAHME – NICHT NUR POLEMISCH BETRACHTET

Viele Bereiche an der Universität, insbesondere in der universitären Lehre, reduzieren sich lediglich auf die Vermittlung von Fakten und Fachwissen. Wissen haben wir in inzwischen unüberschaubarer Menge angehäuft. Das Internet vermittelt die Illusion, dieses Wissen jederzeit abrufen zu können. In gewisser Weise stimmt das auch: Aber abgerufen werden isolierte Bausteine, die oftmals keinen inneren Zusammenhang haben. Sie dienen allenfalls dem Stopfen von Löchern bei einer ganz konkreten Problemlösung – aber ohne ein Verständnis für die vernetzten Zusammenhänge zu bieten.

Wir sind nach wie vor zu wenige, die mit dem abrufbaren Wissen, das uns das Internet theoretisch jederzeit und an jedem Ort zugänglich macht, kreativ und vor allem sozial umgehen können und wollen. Wissen ohne Aktion bleibt leer und substanzlos – und aktives Wissen ist gebunden an eine soziale Ebene der gelebten und vermittelnden Beziehungen, in denen es gestaltet und wirklich begreifbar wird.

Wie gehen Studierende an der Universität mit dem „vermittelten“ Wissen um? Was fangen sie damit an? – Sie setzen es ein, um credit points zu sammeln, mit denen sie möglichst ökonomisch ihre akademischen Qualifikationen erreichen. Gelebt wird das Wissen selten. Und für uns als Lehrer ist es zu wenig, wenn wir uns nur auf das Fachwissen konzentrieren und unseren Stoff in Vorlesungen lediglich durch den Beamer jagen. Diese Form der Vermittlung ist beziehungslos – und auch unökonomisch! Denn substanzloses Wissen dieser Art kann sich heute jeder Studierende aus Fachbüchern und aus den schon zitierten Internetquellen zusammensammeln und anlesen, und zwar ohne die soziale Isolation im Studierstübchen zu verlassen und das Wissen im sozialen Handlungskontext auf die Probe zu stellen, Lehrmeinungen zu hinterfragen, zu diskutieren – kurz: ohne soziale Interaktion zu pflegen. Mit Verstehen hat das nichts zu tun.

Der Lehrende, der sich dieser Form der technokratischen Vermittlung unterordnet, setzt sein „Wissen“ (seinen „Lesevorsprung“) auf dem Katheder ein, um seine Eitelkeit und Besserwisserei zu bedienen. Die Studierenden durchlaufen eine Kathedersozialisation, bei der sie isolierte Fakten aufsaugen und nach ihrer „Saugfähigkeit“ am Ende beurteilt werden. Erproben müssen sie ihr Wissen in der sozialen Praxis, in der Beziehung des kritischen Austausches mit dem Lehrenden nicht. Die akademischen Weihen werden erworben in einer Art universitärem „Wer wird Millionär?“ – wer am Ende besonders gut abschneidet, der hat Glück mit den Fragen gehabt, systematisches Wissen hat er oder sie nicht unter Beweis gestellt. Und der akademische Lehrer sieht sich entwertet als eine Art „Vorlesungs-Jauch“, der eigentlich auch verzichtbar wäre. Die wissenschaftliche Arbeit reduziert sich auf die Produktion von Doktorarbeiten, die im Zweifelsfall auch per Internet zusammengestellt werden können und der Karriere des Jägers und Sammlers nach verborgenen Quellen dienen – zumindest so lange, wie ein ja auch immer möglicher geistiger Diebstahl nicht auffällt. Eines bleibt aber in jedem Fall festzuhalten: Ein intellektuelles, ein kreatives und innovatives Milieu entsteht so nicht. Wissen wird nicht generiert, es wird zunehmend recycelt – und der Welt zum Konsum angeboten.

Die Arbeit mit jungen Menschen

… ist Verpflichtung und Herausforderung zugleich. Sie ist getragen von Optimismus, von der Hoffnung auf Besserung. Sie lebt von Idealen und der Vorstellung, Ideale (und nicht Idole!) auch bei jungen Menschen wecken zu können.

Diese Arbeit erfordert Kraft und Energie, auch Selbstvertrauen – Selbstvertrauen jenseits von Besserwisserei und Kathederwissen, sondern verortet mitten in der Lebenspraxis. Und sie stößt bei den jungen Leuten auf Resonanz, die sich ihrerseits in Energie, Kraft und wachsendem Selbstvertrauen widerspiegelt. Die Arbeit mit jungen Menschen ist ein Blick in die Zukunft, sie ist nicht rückwärtsgewandt, sondern dem Neuen aufgeschlossen, sie ist der Zukunft zugewandt. Unsere Aufgabe ist es, Wissenshunger und Tatendrang zu lenken, zu fördern und herauszufordern.

Alles dies gelingt nur aus einem Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl heraus, das dem Egoismus entgegengesetzt ist. Das bedeutet nicht, dass es keine Gegensätze geben kann. Im Gegenteil: Die Lehre als soziales Tun lebt von Diskussion und Diskurs, von Auseinandersetzung um Standpunkte und Haltungen.

Der neoliberale „Wissensökonom“ behandelt das Wissen als knappes Gut, mit dem es ökonomisch zu wirtschaften gilt – um „maximalen“ Konsumgewinn mit minimalem Einsatz von Ressourcen zu generieren. Mit Bildung hat das nichts zu tun.

Happy Valentinsday

Passend zum Valentinstag eine herzige Geschichte: Was hat das 30-jährige Jubiläum des Schlager-Hits „Herzilein“ mit der TU Berlin zu tun?

Der Komponist und Texter von „Herzilein“ ist Burkhard Lüdtke, der als Dozent an der TU Berlin im Fach Modellbau mehrere Studierenden-Generationen begleitet hat, hat dazu eine schöne Anekdote.

Immer wenn Studierende nach Modellbau-Seminaren noch mehrere Stunden nach Ende des Seminars bleiben wollten, spielte er den Rausschmeißer „Herzilein“ – und die Ateliers leerten sich rasch. Seine Studierenden feixten schon mal über „Herzilein,“ es war ein „offenes Geheimnis.“

Mehr zu den Hintergründen erzählt Lüdtke in der Story.

„Er will doch nur spielen“

Was der Schlager-Hit „Herzilein“ mit Wissenschaft zu tun hat

Wie Burkhard Lüdtke seine Tätigkeit als Modellbau-Dozent an der Technischen Universität Berlin mit seiner Berufung als Sänger und Songwriter vereinbart. Instagram TU Berlin

Burkhard Lüdtke ist eine Person, die man als vielseitig begabt bezeichnen könnte. Als Hochschullehrer für das Fach Modellbau an der TU Berlin hat er 30 Jahre lang mehrere Studierendengenerationen begleitet und mit seinen Lehrprojekten nationale und internationale Preise errungen. Eng verbunden mit seiner beruflichen Kreativität waren stets seine musischen Fähigkeiten. Auch als Songwriter für den Hit „Herzilein“ wurde er nämlich ausgezeichnet – mit Gold, Platin und Doppelplatin. Karl Dall und Jürgen von der Lippe zählten zu seinen Partnern, genauso wie das Volksmusiker-Duo Wildecker Herzbuben. Klingende Songtitel wie „Lars vom Mars,“ „Dann schmeckt die Maß doppelt so gut“ oder das berühmte „Herzilein,“ einen der größten Hits der deutschsprachigen Volksmusik, textete er zusammen mit seiner Frau Carola.